Titelbild zum Artikel «Es ist an der Zeit, dass die Mitgliederzahl der Verbindungen wieder wächst»

Kantonsratspräsident Ferdinand Zehnder v/o Safran am Neujahrskommers der AV Semper Fidelis im Hotel Schweizerhof Luzern, 28. Dezember 2024. (Foto: Florian Schürch v/o Schiller)

31.01.2025

«Es ist an der Zeit, dass die Mitgliederzahl der Verbindungen wieder wächst»

Lors de la Neujahrskommers de l'AV Semper Fidelis le 28 décembre 2024 à l'hôtel Schweizerhof de Lucerne, le président du Conseil cantonal Ferdinand Zehnder v/o Safran, a parlé des valeurs des associations d'étudiants et de ses liens de longue date avec l'AV Semper Fidelis, l'association hôte. Voici le texte de son discours. Texte du discours disponible seulement en allemand. 

Hoher Senior,
Hohe Zentralpräsidentin,
Herr Regierungspräsident, lieber Vöuz,
Hoher VLP,
werte Couleurikerinnen und Couleuriker,
liebe Semper Fidelen,
werte Gäste!

 

«Gaudeamus igitur» als Eröffnungslied

Das altehrwürdige und bekannte Studentenlied «Gaudeamus igitur» eröffnet traditionsgemäss den Neujahrskommers der AV Semper Fidelis. Ich bin nie in den besonderen Genuss gekommen Latein zu studieren. Deshalb musste ich die Übersetzung nachlesen. Da heisst es in der ersten Strophe frei übersetzt: Also lasst uns fröhlich sein, denn wir sind noch jung; nach den Freuden der Jugend, nach den Beschwerlichkeiten des Alters wird uns die Erde haben.

Mir gefällt dieses Studentenlied und die damit verbundene Vorstellung von einem erfüllten Leben: Das Lied ist ein Aufruf im Jetzt zu leben, Freundschaften zu pflegen, Erinnerungen aufzufrischen, neue Pläne zu schmieden sich über Generationen hinweg auszutauschen und sich gegenseitig zu unterstützen. Und das alles im Bewusstsein, dass das irdische Leben nicht ewig dauert. Deshalb müssen wir nach reiflicher Überlegung schnell, mutig und unternehmungslustig zur Tat schreiten.

Ich denke, das ist die Lebenseinstellung von Euch allen hier am traditionellen Neujahrskommers im Zeugheersaal im Hotel Schweizerhof. In unserer Zeit, in der so vieles über den Laptop und übers Handy nur noch virtuell abläuft, kommt dem heutigen freundschaftlichen und fröhlichen Treffen eine besondere und wichtige Bedeutung zu. Nichts bringt die Menschen näher zusammen als Feste. Also lasst uns zusammen fröhlich sein und so die Kraft und Wärme dieses Studentenfestes spüren.

 

Herzliche Begrüssung in der Stadt Luzern

Ich begrüsse Sie alle herzlich im Namen der Luzerner Regierung und des Kantonsrates. Wir freuen uns, dass der traditionelle Neujahrskommers jedes Jahr in der schönen Stadt Luzern stattfindet. Ich gratuliere der Semper Fidelis für die Organisation. Dank Eurem Einsatz treffen sich Jahr für Jahr Hunderte von Studentinnen und Studenten sowie gereifte Altdamen und Altherren zur gemeinsamen Feier. Dieser grossartige Einsatz verdient einen brausenden Applaus. 

Für die grosse Ehre als Festredner auftreten zu dürfen, bedanke ich mich aufs Herzlichste. Als Ausdruck der besonderen Wertschätzung für den Einsatz von Euch allen werde ich heute von der Standesweibelin Anita Imfeld-Müller im blauweissen Ornat begleitet. Als Ergänzung zum Rot-Weiss-Grün der Semper heissen wir Sie in den Luzernerfarben Blau-Weiss willkommen. Farben bringen Freude ins Leben. Couleurikerinnen und Couleuriker aller Farben sind heute bei uns in Luzern herzlich willkommen.

 

Mein Zaudern bei der Anfrage zum Festredner

Die Anfrage, als Festredner aufzutreten, hat mir zwar geschmeichelt. Aber trotzdem habe ich erst bei der dritten Anfrage zugesagt. Bei der Vorbereitung auf meinen Auftritt von heute habe ich mir die Liste der Festredner früherer Jahre angeschaut: Alles Professoren, Doktoren – alles studierte Akademiker. Da beschlich mich ehrlich gesagt noch einmal ein mulmiges Gefühl. 

Aber dann habe ich Mut gefasst und gedacht: «Ich bin ja Ehrenphilister. Ich gehöre also ehrenhalber zur Semper Fidelis. Das ist sicher im Vergleich so etwas wie eine Ehrendoktorwürde.» Also habe ich mich als Ehrenphilister daran gemacht, einige Gedanken zu einer Festrede zusammenzufügen.

 

Enge und lange Verbundenheit mit Semper Fidelis

Seit vielen, vielen Jahren bin ich mit der Semper Fidelis eng und freundschaftlich verbunden. Als Gastwirt vom Restaurant Lapin war ich beim wöchentlichen Stamm der Gastwirt. Eure offenen, oft leidenschaftlichen und immer mit Respekt geführten Diskussionen haben mich beeindruckt. Auch durfte ich mehrere Caterings für die Turmkneipe und Generalversammlung der Altherren durchführen. All diese Begegnungen und die dabei entstandenen Freundschaften sind für immer tief in mein Herz eingebrannt. Ich bin stolz und dankbar dafür, dass die Semper bei mir im Restaurant ihren politischen Stammtisch hatten. Als Zeichen der gegenseitigen Wertschätzung wurde ich im Mai 2018 an der Universität Luzern als Ehrenphilister in die Semper Fidelis aufgenommen. An meiner Feier als Kantonsratspräsident sind die Semper als Chargierte in voller Farbenpracht feierlich aufgetreten. Für die grosse Ehre und freundschaftliche Verbundenheit, die mir sehr viel bedeutet, bedanke ich mich heute vor Euch allen gerne nochmals aufs Herzlichste.

 

Gastfreundschaft ist mein Lebenselixier

Als langjähriger Gastwirt weiss ich: Gastfreundschaft ist mehr als das Bereitstellen von Zimmern und Speisen. Es geht darum, Menschen willkommen zu heissen, ihnen ein Gefühl von zuhause zu geben und unvergessliche Erlebnisse zu ermöglichen. Diese Leidenschaft für Gastfreundschaft ist tief in mir verwurzelt und prägt mein ganzes Handeln. Aus dieser Leidenschaft heraus konnte ich jede Woche während sechs Tagen 12 bis 14 Stunden arbeiten – im Traumberuf meines Lebens. 

Im Gastgewerbe und im Hotelfach arbeiten wir, wie das Personal heute, wenn die Gäste feiern und das Leben geniessen. Als Gastwirt habe ich für das Wohl der Gäste gesorgt. Wenn ein Koch ausgefallen ist, stand ich in der Küche auch am Kochherd. Auch persönliche Wünsche haben wir im Lapin gerne erfüllt. Etwa so: «Für mich bitte ohne Gemüse, dafür mehr Sauce»; «für mich die Rösti nicht zu dunkel gebraten»; «für mich bitte vom Braten das erste Stück»; «sind die Mischtchratzerli auch frisch?». Gäste kamen zu uns und wir haben sie zuvorkommend bewirtet – Sehr persönlich und auf Wunsch auch à la Carte. So ist eine Verbindung entstanden und auch tiefe Freundschaften. Viele wurden Stammgäste. Mit unserer Arbeit entstand die Lebensgrundlage für meine Familie und unser Personal.

 

Mitarbeitende fordern, fördern und begeistern als Neujahrswunsch

So kurz vor dem Jahreswechsel ist es ja auch üblich, sich Gedanken über die Zukunft zu machen und Neujahrswünsche zu äussern.  Mein grösster Wunsch ist, dass beruflich für möglichst viele eine Grundlage geschaffen werden kann, die sie freudvoll zu grossem Einsatz beflügelt. Aus eigener Erfahrung weiss ich, dass es Menschen glücklich macht. Und es ist auch wichtig für die wirtschaftliche Entwicklung der ganzen Schweiz. 

Aus meiner über 30-jährigen, selbständigen Tätigkeit als Arbeitgeber gäbe es viele Geschichten von Schnupperstiften, Lehrlingen oder anderen Mitarbeitenden zu erzählen. Am meisten Freude bereitete es mir allerdings, wenn es mir gelungen ist, einen Asylbewerber oder Migranten zu fördern, bis er eine tolle Stelle fand oder sogar die Selbständigkeit erreichte. Mitarbeitende beruflich zu fordern, zu fördern und zu begeistern wäre doch ein toller Vorsatz fürs neue Jahr. Ich rufe Euch alle dazu auf, Menschen beruflich zu fördern und zu begeistern. 

 

Vertrauen − die wichtigste Währung in der Politik 

Nun ein Wechsel vom Gastwirt im Lapin zum Kantonsrat in der Politik. Nach meiner Wahl habe ich schnell gelernt, dass es nicht möglich ist, wie im Restaurant auf jedes einzelne Bedürfnis einzugehen. Die Beschlüsse und Entscheide in der Politik müssen möglichst breit abgestützt und damit auch für Minderheiten akzeptierbar und tragfähig sein.  À la carte ist in der Politik leider nicht möglich. Am Schluss baucht es immer einen Kompromiss. 

Wir sind uns sicher einig: Politische Fragen waren immer schon schwierig und komplex. Mit dem weltweit tiefgreifenden Umbruch in Politik, Gesellschaft und Technologie sind wir zurzeit jedoch in besonderem Masse herausgefordert.

Tragfähige Lösungen bei komplexen Themen können nur mit gegenseitigem Vertrauen erreicht und umgesetzt werden. Und Vertrauen kann nur dort entstehen, wo man − wie heute in diesem Saal − miteinander redet, einander zuhört und bereit ist, verschiedene Meinungen gelten zu lassen. Nach einer offenen und ehrlichen Auseinandersetzung braucht es dann immer einen tragfähigen Kompromiss.

 

Gastgeber auch als Kantonsratspräsident

Am 1. Juli 2024 wurde ich zum Präsidenten des Kantonsrates gewählt. Für diese grosse Ehre bin ich sehr dankbar und die Ausführung des Amtes begeistert mich. Zusammen mit dem Regierungspräsidenten Reto Wyss haben wir das Jahresmotto «Zu Gast bei» gewählt. Heute bin ich zu Gast bei Euch, beim Neujahrskommers der Semper Fidelis. Ich fühle mich bei meinen Auftritten manchmal wie als Gastwirt des Lapin. So wie ich am Stammtisch die Persönlichkeiten der Semper und ihrer Gäste kennen lernen durfte, so lerne ich den Kanton Luzern und seine Menschen in seiner Vielgestaltigkeit kennen. Ich darf zwar überall eine Rede halten. Aber wichtiger sind die Gespräche mit Bürgerinnen und Bürgern, in denen gegenseitiges Verständnis und Vertrauen entsteht. Diese Gesprächskultur, die in unserer Demokratie notwendig ist, haben wir am Stammtisch der Semper im Lapin gepflegt und ihr pflegt sie heute auch im grossen Freundeskreis.

 

Nachhaltiger Tourismus – mein Herzensanliegen

Luzern ist eine Tourismusstadt. Ich bin Präsident des Tourismusforums Luzern. Bevor ich zum Schluss ansetze, muss ich noch etwas zum Tourismus sagen. Ohne Tourismus gäbe es in Luzern keine Dampfschiffe, keine Bergbahnen, keine Museen und auch kein «Lucerne Festival». Das alles wurde für dem Tourismus aufgebaut.

Der Tourismus ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für Luzern und die ganze Zentralschweiz. Die grösste Herausforderung besteht zurzeit darin, das richtige Mass zu finden. Ich betrachte es als unsere Aufgabe, den Tourismus so zu gestalten, dass er zum Wohle aller Beteiligten ist. Dazu gehört ein respektvoller Umgang mit unserer Umwelt, unserer Kultur und unseren Gästen. Wir müssen für die Bedeutung einer nachhaltigen Tourismusentwicklung sensibilisieren. Dazu gehört auch die Bereitschaft, die Zahl der Touristen nicht zu stark wachsen zu lassen.

 

Zum Schluss ein Wunsch an alle Studentenverbindungen

Ich stelle fest, dass das Verständnis für die Studentenverbindungen abnimmt. Es ist an der Zeit, dass die Mitgliederzahl der Verbindungen wieder wächst. Der Austausch über alle Generationen hinweg ist äusserst wertvoll und muss erhalten bleiben. 

Verbindungen wollen ein «Daheim» haben, einen Ort, wo sie sich treffen können. Gerne erwähne ich lobend die Initiative aus dem Kreis der Semper Fidelis zur Befriedigung der räumlichen Bedürfnisse für Studierende und Verbindungen. Ich zitiere hier gerne den Zweckartikel des dazu gegründeten Vereins «Raum für Studierende»: «Der Verein bezweckt auf gemeinnütziger Basis die Unterstützung von räumlichen Bedürfnissen von Studierenden auf dem Hochschulplatz Luzern, sei es für Begegnungslokale, Sitzungs- und Studierräumlichkeiten, Archivräumlichkeiten oder für Wohnbedürfnisse.»
Ich wünsche Ihnen die Kraft und den Mut, Eure Verbindungen so auszurichten, dass sie auch in Zukunft erfolgreich und lebendig sind. Ich wünsche Ihnen getreu dem Lied «Gaudeamus igitur» einen erlebnisreichen Neujahrskommers, fröhliche Stunden in studentischer Freundschaft und einen guten Rutsch in ein erfolgreiches neues Jahr. 

Im Dezember 2024

Ferdinand Zehnder v/o Safran, *1965, Kantonsratspräsidenten für das Amtsjahr 2024/2025. Ferdinand Zehnder ist seit November 2015 Mitglied des Kantonsrates (die Mitte). Zehnder v/o Safran ist seit 2018 Ehrenphilister der AV Semper Fidelis.

Helvetia, couronnée de fleurs avec une lance et l’écusson suisse, sur une photographie de 1896. (Image: Musée national suisse, LM-101066).

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