Titelbild zum Artikel Maria und der Frieden heute?

Basilika Notre-Dame in Genf. (Foto: Jean-Charles Gonzalez v/o Caliméro)

11.05.2026

Maria und der Frieden heute?

In der katholischen Kirche ist der Monat Mai traditionell der Gestalt Marias gewidmet. Einige Überlegungen zur Verbindung zwischen der «Frau» Maria und der Gabe des Friedens.

von Jean-Charles Gonzalez v/o Caliméro

 

Der multikulturelle und multireligiöse Kanton Genf beherbergt auf seinem Gebiet Organisationen, deren Wirken dem Dienst am Frieden gewidmet ist, sowie eine Marienbasilika, einen Schweizer Wallfahrtsort, dessen Leitwort «Nuntia Pacis» lautet. Dem römisch-katholischen Kult gewidmet, empfängt sie Touristen sowie jede Person, die inmitten der Stadt oder des geschäftigen menschlichen Treibens einen Ort des Friedens sucht, zur Andacht oder zur Meditation.

Aufgrund der Verbindung, die Maria mit ihrem Sohn, dem «Friedefürst» (Jes 9,6), vereint, hat die katholische Frömmigkeit sie unter dem Titel «Königin des Friedens» angerufen. An diesem Wallfahrtsort wird sie als «Botin des Friedens» verehrt. In diesem Monat Mai, der innerhalb dieser Glaubensgemeinschaft in besonderer Weise der marianischen Frömmigkeit gewidmet ist, und angesichts zahlreicher Konflikte, die sich international, aber auch auf lokaler oder gar persönlicher Ebene weiter entfalten, wollen wir kurz und in friedlicher Haltung bei Marias weiblichem Beitrag zum Werk des Friedens verweilen.

Während des Ersten Weltkriegs (1914–1918) fügte Papst Benedikt XV. (1854–1922) die Anrufung «Königin des Friedens» einer Reihe «litaneiartiger» Anrufungen hinzu, welche von den Gläubigen gebetet wurden. Diese marianische Funktion ist in der Bibel und in der Tradition verwurzelt. Vor einigen Monaten feierten wir Weihnachten: Eine junge Frau aus Nazareth, deren Land bereits damals besetzt war, empfängt auf einzigartige Weise ein Kind (Lk 1,26–38), dem seinerseits eine einmalige und zugleich gemeinschaftliche Sendung verheissen ist: Frieden zu stiften, «indem er in sich äusserstes Elend und äusserste Grösse versöhnt», wie es in der Kommunionantiphon der Votivmesse «Heilige Maria, Königin des Friedens» heisst. Eltern und Kind müssen nach Ägypten fliehen, um das Kind vor einem vorzeitigen Tod «aus politischen Gründen» zu bewahren, den andere Kinder erleiden werden, die fortan die heiligen Unschuldigen genannt werden (Mt 2,13–23). Im Übrigen, den Romantikern zum Trotz, war das Leben der sogenannten Heiligen Familie alles andere als ein kleines Paradies!

Nach den beiden Weltkriegen, und während gewisse Teile der Welt unter einem totalitären politischen Regime standen oder einen bewaffneten Konflikt erlebten, hielt das Zweite Vatikanische Konzil (1962–1965) in der Pastoralkonstitution Gaudium et Spes über den Frieden fest, dass dieser «nicht bloss das Schweigen der Waffen ist und nicht allein darin besteht, das Gleichgewicht gegnerischer Kräfte zu sichern; er entspringt auch nicht einer despotischen Herrschaft, sondern wird mit Recht als ‹Werk der Gerechtigkeit› (Jes 32,17) bezeichnet. Er ist das Resultat einer Ordnung, die vom göttlichen Gründer in die menschliche Gesellschaft eingestiftet wurde. […] Der Frieden ist niemals ein für alle Mal erworbener Besitz, sondern muss immer weiter aufgebaut werden. Da ausserdem der menschliche Wille schwach und durch die Sünde verwundet ist, verlangt die Herbeiführung des Friedens von jedem [und jeder, Anm. d. Verf.] die ständige Beherrschung der Leidenschaften und die Wachsamkeit der rechtmässigen Autorität.»

Die Lehre Jesu findet sich in den Evangelien inmitten friedlicher und bewegter Momente, wobei der Sohn Marias «niemanden» gleichgültig lässt. Das Osterfest ruft uns jene politisch-religiösen Ereignisse in Erinnerung, in deren Mitte seine Mutter «mutig am Fuss des Kreuzes stand, als ihr Sohn sich zu unserem Heil hingab und durch sein Blut den Frieden des Universums begründete», wie es in der Präfation der Votivmesse «Heilige Maria, Königin des Friedens» heisst.

Pfingsten, oft gleichbedeutend mit einigen freien Tagen, ist ein Hochfest, bei dem die Mutter Jesu gegenwärtig ist und mit den Aposteln betet, die sich in sich selbst zurückgezogen haben und von Furcht erfüllt sind. Es fehlt an Frieden, an Vertrauen, an Sinn angesichts der Ereignisse, die sie während der Passion Jesu erlebt haben. Auch uns können angesichts der Ereignisse unseres Lebens, unseres Alltags, unseres Landes und der Welt Furcht und Angst zum Rückzug verleiten. Diese Frau, Jüngerin ihres eigenen Sohnes, betet mit den Aposteln darum, dass der Geist der Einheit, des Friedens, der Liebe und der Freude komme; ein positiver und vertrauensvoller Geist, der im Gedächtnis behält, dass beinahe alles auf dieser Erde der Vergänglichkeit unterworfen ist, sowohl die Leiden als leider auch das Glück.

Ich binde diesen Strauss mit der Königin der Tugenden: Der Barmherzigkeit. Wenn dieses Wort «verstaubt» wirkt oder allzu sehr nach Religion klingt, können wir ihm Begriffe zur Seite stellen wie Altruismus, Wohlwollen, Güte, Harmonie, soziale Bindungen, geistliche Gemeinschaft, ja sogar Herz, damit das Konzert der Menschheitsfamilie, bei aller gebotenen Verhältnismässigkeit, besser gestimmt sei: «[…] uns wirklich als Brüder zu behandeln» und in Frieden miteinander leben zu können, wie es ein weiteres Gebet der erwähnten Votivmesse sagt. Das Konzil seinerseits erinnert in dem bereits zitierten Dokument sowohl die Katholiken als auch jeden Menschen guten Willens daran: «Darum sind alle Christen eindringlich aufgerufen, in Wahrheit und Liebe zu handeln (Eph 4,15) und sich mit allen wahrhaft friedliebenden Menschen zusammenzutun, um den Frieden zu erflehen und aufzubauen.» Das ist ein ganzes Programm: Frieden säen, Frieden pflegen, Frieden verbreiten, in der festen Hoffnung, Frieden zu ernten. Für die Gläubigen unter uns findet dieser Frieden, mit dem Beistand Marias, seinen Grund in Gott, wie uns unser Landsmann Nikolaus von Flüe (1417–1487) in einem Brief an die Berner aus dem Jahr 1482 erinnert: «Der Friede ist allweg in Gott, denn Gott ist der Friede.»

Text (auf Französisch): Jean-Charles Gonzalez v/o Caliméro
Jean-Charles Gonzalez v/o Caliméro, *1976, hispano-genferischer Herkunft, ist in einem katholischen Umfeld aufgewachsen, das den Spiritualitäten im Allgemeinen offen gegenüberstand. Nach Sprach- und Wirtschaftsstudien erwarb er an der Universität Freiburg ein staatliches sowie kanonisches Lizentiat in Theologie mit Spezialisierung in orientalischer Theologie. Er ist Mitglied der SA Sancta Johanna, Freiburg (seit 2015 sistiert).
 

Übersetzung: Alexandre Philippe Guidetti v/o Medici,  Trumpf

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