Titelbild zum Artikel Der Schw. StV im Bundeshaus

Vier Bundesräte am Zentralfest von Wil 1960 (v. l. n. r.): BR Thomas Holenstein, Philipp Etter, Ludwig von Moos, Jean Bourgknecht sowie Missionsbischof Joachim Ammann OSB. (Farbbearbeitung durch Red.)

18.05.2026

Der Schw. StV im Bundeshaus

Historiker Urs Altermatt v/o Solo wirft einen Blick auf die Präsenz des Schw. StV im Parlament und Bundesrat – insbesondere auf die bisher 21 Bundesrätinnen und Bundesräte aus den Reihen des StV.

Text: Urs Altermatt v/o Solo
Fotos: Vereinsgeschichte des Schw. StV

 

Seit 2025 übt mit Martin Pfister v/o Janus erneut ein StVer das Bundesratsamt aus, der bereits in seiner Universitätszeit Mitglied des Studentenvereins war. Vernachlässigt man die kurze Amtszeit des Luzerner Josef Anton Schobinger (1908 – 1911) und die Lücke von 2003 bis 2006 war der StV vom ersten, 1891 gewählten katholisch-konservativen Bundesrat bis heute mit mindestens einem, ab 1919 mit zwei, während fünf Jahren von 1954 bis zur Einführung der Zauberformel 1959 sogar mit drei Mitgliedern im Bundesrat vertreten. Das ist im Vergleich mit andern Studentenvereinen eine aussergewöhnliche Kontinuität. Unter der freisinnigen Vorherrschaft bis zum Ende des Ersten Weltkriegs wiesen nur die Zofingia über die «liberale Mitte» (so der heute vergessene zeitgenössische Parteinamen) und die Helvetia über die Radikal-Demokraten (FDP) vergleichbare Zahlen auf. 

Zum Profil der StV-Bundesräte

Diesem Beitrag ist eine Liste aller StV-Bundesrätinnen und -Bundesräte angefügt, die unter anderem Auskunft über die Profile jener 17 Bundesrätinnen und Bundesräte gibt, die während ihres Studiums in eine StV-Verbindung eingetreten sind. Die Liste ist ergänzt mit den vier Ehrenmitgliedern Arnold Koller, Ruth Metzler-Arnold, Doris Leuthard und Karin Keller-Sutter. Parteipolitisch gehörten von den 17 Bundesräten – ausschliesslich der Ehrenmitglieder – alle der christlich-demokratischen Parteifamilie (ab 2021 die Mitte) an. Grossmehrheitlich stammten sie aus den katholischen Stammland-Kantonen sowie sechs aus Kantonen, in denen die katholisch-konservative Partei gewichtig mitregierte, das heisst vier aus dem Tessin und zwei aus dem Kanton St. Gallen. 

Auffällig ist, dass ein Drittel, nämlich Josef Zemp, Giuseppe Motta, Enrico Celio, Giuseppe Lepori, Kurt Furgler und Flavio Cotti, als Studenten ihre Sporen im Zentralkomitee abverdient hatten. Bereits der erste StV-Bundesrat, der Luzerner Josef Zemp (im Amt 1891 – 1908), Rechtsstudent in München, bekleidete das Amt des Zentralpräsidenten 1857/58. Die Hauptstadt Bayerns mit der Helvetia Monacensis, gegründet 1844 als zweite Universitätssektion überhaupt, war damals beliebter Studienort. Auch Giuseppe Motta, CC-Mitglied 1894/95, der an der frisch gegründeten Universität Freiburg zunächst der zweisprachigen Romania beitrat, setzte seine Rechtsstudien in München fort, bevor er in Heidelberg doktorierte. Vizepräsidenten waren die Tessiner Giuseppe Lepori (1925/26) und Flavio Cotti (1961/62). 

Zahlreiche katholische Studenten mieden im 19. Jahrhundert die protestantisch und freisinnig geprägten Universitäten von Zürich und Bern und studierten im Ausland, hauptsächlich in Süddeutschland. Mit Ausnahme von Roger Bonvin (Bauingenieur ETH Zürich) und Martin Pfister (Historiker Freiburg) waren alle Juristen – was charakteristisch für die CVP-Bundesräte ist.

1889 wurde in Freiburg die bestehende Rechts-Akademie in eine katholisch geprägte und zweisprachige Staatsuniversität umgebaut. Doch erst nach dem Ersten Weltkrieg wurde sie für katholische Schweizer wirklich attraktiv, was zur Folge hatte, dass die Hälfte der CVP-Bundesrätinnen und -Bundesräte in Freiburg studierten. Als Sektionen, die Bundesräte hervorbrachten, stechen die Lepontia Friburgensis mit den Tessinern Celio, Lepori und Cotti und die Fryburgia mit Hürlimann, Furgler und Pfister sowie die frankophone Sarinia mit den zwei Freiburger Bundesräten Jean-Marie Musy und Jean Bourgknecht hervor. Die Helvetia Monacensis stellte in ihrer fast zweihundertjährigen Geschichte mit Zemp, Motta und Lepori drei Bundesräte. Auch die Burgundia in Bern, gegründet 1865, zählt zu den Sektionen, die mit Josef Escher, Thomas Holenstein und Alphons Egli gleich drei Bundesräte hervorbrachte.

Beitrag zur Aufnahme von Frauen als Vollmitglieder und der Verabschiedung des «Freiburger Manifestes», der am 9.9.1968 in der «Neuen Presse» erschienen ist.

Kaderschmiede der CVP

Der StV wurde 1841 gegründet, im politisch aufgeheizten Jahrzehnt vor der Gründung des Bundesstaats, und überlebte als einziger später bedeutender nationaler Verein katholisch-konservativer Parteicouleur die Katastrophe der Sonderbundsniederlage von 1847. Als Produkt der damaligen national gestimmten Jugendbewegung war die junge StV-Schule patriotisch gesinnt und stellte sich auf den Boden der neuen Schweiz, um für die nationale Einheit und die politische Gleichberechtigung der Besiegten zu kämpfen. 

Es waren StV-Mitglieder, die die erste Zeitung von nationalem Format mit katholisch-konservativer Parteirichtung mit herausgaben. Sukzessive bauten StVer das organisatorische Geflecht der katholischen Bewegung vom Katholikenverein über die Caritas bis zur Universität Freiburg auf. Nach dem Kulturkampf der 1870er-Jahre verfestigte sich – ähnlich wie bei der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung – dieser Organisationskatholizismus zu einer Art Parallelgesellschaft, die ich ohne pejorativen Unterton «katholisches Milieu» nenne.

Im Laufe der Jahrzehnte wuchs der StV so zur Kaderschmiede der katholischen bzw. christlich-demokratischen Partei heran. Ende des 19. Jahrhunderts zählte er (laut den beiden StV-Geschichtsbüchern, die den Statistikband über die Majorz-Bundesversammlung von Erich Gruner und Karl Frey ergänzen) 27 Vereinsmitglieder im Bundesparlament und hatte erstmals mehr Ratsmitglieder in der Bundesversammlung als die liberalen Zofinger (23) und die radikalen Helveter (14). Nach dem Ersten Weltkrieg sassen 1920 im ersten Proporz-Parlament 38 StVer (36 CVP, 1 BGB/SVP und 1 SP), was über 60 Prozent der Fraktion ausmachte. Im Zweiten Weltkrieg waren 1944 52 Prozent der CVP-Fraktion StVer (32 CVP, 1 FDP), und im Jahr der Studentenrevolution von 1968 immer noch fast die Hälfte (29 CVP und 1 SP) – deutlich mehr Parlamentarier als in der Zofingia und Helvetia. 

Der tiefgreifende Gesellschafts- und Kulturwandel, den das Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit in den 1960er-Jahren auslöste, hinterliess Spuren. Der Wohlstand und die damit verbundene individualistische Freizeitkultur führten zur schleichenden Erosion des katholischen Milieus im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts. Bisher stolze Vereine gingen ein; die CVP schrumpfte, verlor Parlamentsmandate und 2003 ihren zweiten Bundesratssitz. 

Der StV überlebte die Krise mit Mitgliederverlusten, die in den 1970er-Jahren die Studentenverbindungen allgemein schwächten, und machte gleichzeitig tiefgreifende Transformationen durch. Die Zeit um das Jahr 1968 markierte den mitgliedermässigen Höhe- und Wendepunkt zugleich – ein Paradoxon der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Die Studentenbewegung veränderte den in den 1960er-Jahren politischer gewordenen Bildungsverein offensichtlich stärker als die Zofingia und die Helvetia. Die Frauenbewegung führte – völlig überraschend für die anderen Verbindungen und das breite Publikum – 1968 zur Aufnahme von Frauen als Vollmitglieder (vgl. CIVITAS 1/2025 – 2026). Im Zuge der allgemeinen Säkularisierung und Dechristianisierung und angestossen von den Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils der katholischen Kirche (1962 – 1965) öffnete sich der Verein auch für andere Konfessionen und Parteien. Die Mitglieder fühlten sich seither konfessionell und parteipolitisch ungebundener. Gleichzeitig nahm das Verbindungsleben stärker den Charakter eines Freizeitvereins an.

Als Folge dieser gesellschaftlichen und vereinsinternen Entwicklungen verlor der Verein seine Rolle als Kaderschmiede der Christdemokratie. Im Jahr 2023 waren es laut der Zeitschrift «Studentica Helvetica» in der 44-köpfigen «Mitte»-Fraktion (früher CVP) der Bundesversammlung noch sieben Personen mit StV-Zugehörigkeit: 5 Mitte, 1 FDP und 1 SP; ein Viertel ist somit anderer parteipolitischer Ausrichtung als die traditionelle christdemokratische Parteicouleur, was eine Folge des Reformfrühlings des StV zwischen 1968 und 1971 ist. 

Ende der goldenen Ära

Mit der Jahrtausendwende von 2000 ging das Goldene Zeitalter des StV im Bundesparlament zu Ende, was konsequenterweise Auswirkungen auf der Ebene des Bundesrats zeitigte. 1986 wurden Flavio Cotti, ein ehemaliger Vizepräsident des StV, und Arnold Koller, der als HSG-Professor Ehrenmitglied der Bodania geworden war, in die Landesregierung gewählt. Als die beiden CVP-Bundesräte zurücktraten, folgten Ruth Metzler und Joseph Deiss. Ruth Metzler war familiär mit dem StV eng verbunden, sodass sich eine Ehrenmitgliedschaft der ersten CVP-Bundesrätin geradezu aufdrängte und am Zentralfest 2000 vollzogen wurde. Metzler ist seither Mitglied der St. Galler Notkeriana. Mit Metzler wurde 1999 der Freiburger Kollege Deiss gewählt, der weder als Gymnasiast noch als Student und Professor dem StV beitrat.

Auf Deiss folgte Doris Leuthard, die als CVP-Bundesrätin im Jahr 2006 die Ehrenmitgliedschaft erhielt. 2018 wurde Viola Amherd als ihre Nachfolgerin in den Bundesrat gewählt. Die Oberwalliserin war als Gymnasiastin in Brig der StV-Gymnasialverbindung Brigensis beigetreten, schloss sich aber beim Rechtsstudium in Freiburg keiner Uni-Sektion an. Als sie zur Bundesrätin gewählt worden war, reaktivierte der Zentralverein ihre Mitgliedschaft. Erst mit der Wahl von Martin Pfister v/o Janus wählte die Bundesversammlung 2025 wieder einen CVP-Bundesrat, der als Student in Freiburg aktiv im Schw. StV tätig gewesen war.

2020 wurde die freisinnige Bundesrätin Karin Keller-Sutter, die familiär bereits zuvor zum StV Kontakte pflegte, als Ehrenmitglied in den StV aufgenommen. Diese Ehrenmitgliedschaft stellt einen historischen Meilenstein dar, weil sie Ehrenmitglied wurde, ohne der christdemokratischen Parteifamilie anzugehören. Das war Ausdruck der parteipolitischen Öffnung des StV. Sofern der Zürcher SP-Nationalrat Daniel Jositsch v/o Malz seine Bundesratsambitionen hätte verwirklichen können, wäre das parteipolitische Spektrum nach links erweitert worden.

Ziehen wir ein Fazit: In der Rückschau erreichte die Präsenz des Schw. StV im eidgenössischen Parlament während des 20. Jahrhunderts den Höhepunkt, was sich mit mindestens einem, ab 1919 mit zwei und während fünf Jahren – von 1954 bis 1959 – sogar mit drei Mitgliedern im Bundesrat äusserte. Seit dem 21. Jahrhundert lässt sich nun indes ein Wandel feststellen. 

Zunächst ist die kleine «bundesratslose» Lücke zu erwähnen, die nach der Abwahl von Ruth Metzler-Arnold entstand. Anschliessend ergab sich die StV-Präsenz im Bundesrat über Ehrenmitgliedschaften, die zu Amtszeiten der amtierenden Bundesrätinnen und Bundesräte ernannt wurden. Und schliesslich ist der Anteil von Bundesrätinnen bemerkenswert, was eine Folge davon ist, dass der StV 1968, noch vor der Einführung des Frauenstimmrechts auf Bundesebene, Studentinnen als Vollmitglieder aufnahm.

Man braucht kein Prophet zu sein, um vorauszusagen, dass die Wahl einer Bundesrätin oder eines Bundesrats, der bereits während des Studiums aktives StV-Mitglied gewesen ist – wie aktuell Pfister v/o Janus –, in Zukunft seltener sein wird. Wahrscheinlich werden dafür die Ehrenmitgliedschaften zunehmen. 

Ad personam
Urs Altermatt v/o Solo, em. Prof. Dr. Dr. h.c. für Zeitgeschichte, seit 1980 an der Universität Freiburg, vorher seit 1973 Dozent an der Universität Bern, Rektor der Uni Freiburg von 2003 – 2007. Starke internationale Präsenz durch Gastprofessuren und Fellowships im Ausland, so zwei Jahre in den USA (Stanford und Harvard), in Ostmitteleuropa wie Sarajewo und Wien, Universitätsrat in Graz 2008 – 2012. 
Präsident der Ost-West-Kommission der Pro Helvetia, Präsident der Projektkommission für das Bundesjubiläum der Eidgenossenschaft 1991. Mitglied der Berchtoldia, Fryburgia und Wikinger; Zentralpräsident des StV 1967/68 (Frauenaufnahme). 

 

Literatur- und Quellenhinweise 
Band 1: Altermatt, Urs (Hrsg.): «Den Riesenkampf mit dieser Zeit zu wagen…». Der Schweizerische Studentenverein 1841 – 1991, Luzern 1993; insbes. S. 241 – 257
Band 2: Altermatt, Urs (Hrsg.): «Und keiner geh’ aus unserm Bund verloren». Der Schweizerische Studentenverein im Umbruch 1991 – 2018, Bern 2019; insbes. S. 103 – 119. 
Für die Angaben zum Parlament: Neben den erwähnten Geschichtsbänden wurde der Statistikband für das Majorz-Parlament 1848 – 1920 von Gruner/Frei, die Zeitschrift «Studentica Helvetica» sowie aktuelle Angaben des Zentralsekretariats des Schw. StV herangezogen. Die personellen Fluktuationen in der Bundesversammlung erklären die leicht unterschiedlichen Zahlen in den verschiedenen Publikationen. 

 

Bildernachweise 
Das Bildmaterial zu diesem Artikel stammt aus der zweibändigen Vereinsgeschichte des Schw. StV.

Die Helvetia, blumenbekränzt und mit Lanze und Schweizer Wappenschild, auf einer Fotografie 1896. (Schweizerisches Nationalmuseum, LM-101066, koloriert und an den Rändern erweitert durch KI)

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