Titelbild zum Artikel «Ihr Verein ist ein Gegenmittel gegen den Individualismus in unserer Gesellschaft.»

Staatsrätin Franziska Biner hielt am Zentralfest-Sonntag, 30. August 2026, die Festrede. (Foto: Ingemar Imboden)

31.08.2026

«Ihr Verein ist ein Gegenmittel gegen den Individualismus in unserer Gesellschaft.»

Nachfolgend die Festrede von Staatsrätin Franziska Biner im Wortlaut, die sie am Zentralfest-Sonntag, 30. August 2026, in Brig gehalten hatte.

Liebe Schweizer Studentinnen und Studenten
Chères et chers membres de la SES,
Cari membri della Società degli Studenti Svizzeri
Chars commembers da la Societad svizra da students
Liebe Ehemalige
Sehr geehrte Damen und Herren

 

Güet’n’Tag und herzlich willkommen in Brig, im Oberwallis!

Welche Ehre, heute hier in Brig sein zu dürfen und am Zentralfest teilhaben zu dürfen.

Damit ihr mich alle versteht werde ich die Rede auf Hochdeutsch und nicht auf Walliserdeutsch halten.

Brig ist eine Stadt, die seit jeher ein Ort der Begegnung ist: zwischen den Reisenden, die über die Pässe kamen, zwischen den Sprachen ... und heute zwischen den Couleurbändern!

Stellen Sie sich vor, ich ging 5 Jahre lang hier auf dem Bildungshügel, dem Kollegium Spiritus Sanctus zur Schule. Das ist viele Jahre her. Doch ich habe eine wunderschöne Zeit verbracht. Insbesondere die Zeit im Internat bleibt mir immer in Erinnerung. Dort durfte ich Menschen kennenlernen aus den übrigen Regionen des Oberwallis. Menschen, die ich plötzlich, in meiner Funktion als Staatsrätin und den damit verbundenen Reisen in die verschiedensten Ecken unseres Kantons wieder treffe. Es ist wunderschön, dass die Begegnungen aus Studentenzeiten auch zwanzig Jahre später immer noch so schön sind.

Vielleicht ist dieses Miteinander etwas, das uns in den Bergregionen besonders prägt. Das Leben hier ist wunderschön, aber nicht immer bequem: Die Wege sind länger, die Natur bestimmt unseren Alltag, und manches lässt sich nicht allein bewältigen. Über Generationen haben wir gelernt: Man hilft einander, übernimmt Verantwortung und sucht gemeinsam Lösungen. Gerade in schwierigen Momenten zeigt sich, dass Zusammenhalt keine schöne Idee ist, sondern eine Notwendigkeit.

Ihr Verein ist eine Gemeinschaft, die es versteht, Grenzen zu überwinden. Wer dem Schweizerischen Studentenverein beitritt, beweist, dass er Teil einer Gruppe sein will. Nicht Teil einer WhatsApp-Gruppe, mit unzähligen Pushnachrichten. Nein. Eine Gruppe, die aus einer Universität oder Hochschule hervorgeht und Jahrzehnte und Distanzen überdauert. Dank dem Studentenverein, dank Ihnen, liebe Mitglieder, gelingt es uns, Barrieren zu überwinden. Dabei verschwinden nicht nur Kantons-, sondern auch Sprachgrenzen, ja sogar der berühmte Röstigraben.

Eine Zürcherin, die mit einem Jurassier anstösst; ein Romand, der nach zwei Bier lauthals auf Schweizerdeutsch mitsingt. Ich bin sicher, dass Sie das alle schon erlebt haben.

Auch Generationen vermischen sich: Denn hier tragen der 70-jährige «Alte Herr» und der 19-jährige «Fuchse» dasselbe Band, erzählen sich Anekdoten und lachen gemeinsam über Witze. Mit grosser Hingabe übernimmt man ein Mentorat und pflegt langjährige Freundschaften. Sie knüpfen ein Netzwerk. Ein Netzwerk voller freundschaftlicher, beruflicher und akademischer Kontakte.

Ein Netzwerk, das mit LinkedIn herzlich wenig zu tun hat. Ein Netzwerk, das echt ist und nach dem 3. Bier noch enger wird. Eines mit einer reichen und lebendigen Geschichte, das Tradition, Freundschaft und intellektuelles Engagement vereint. Ein Netzwerk, das den interdisziplinären und kulturellen Austausch sowie das Debattieren zu den unterschiedlichsten Themen fördert.

In unserer Welt, die so schnelllebig geworden ist, in der jeder sich selbst am nächsten ist, in der Bildschirmscrolling zum liebsten Zeitvertreib geworden ist ... haben Sie sich der Gemeinschaft verschrieben. Sie wollen das «Miteinander» erleben. Sich gegenseitig helfen und respektieren. Sie haben sich der Wissenschaft verpflichtet. Alles Werte, die man als typisch schweizerisch bezeichnen könnte.

Und Sie haben sich entschieden, eine Uniform zu tragen. Ein Band. Eine Mütze. Und nein, nicht als Zeichen von Nostalgie. Die Uniform ist ein Zeichen von Stolz. Stolz, Teil einer Gruppe zu sein, die für Werte einsteht. Eine Uniform, die an unvergessliche Momente erinnert, an schlaflose Nächte vor den Prüfungen oder durchzechte Nächte danach.

Ihre Verbindung, Ihr Verein ist ein Gegenmittel. Ein Gegenmittel gegen den Individualismus in unserer Gesellschaft. Ihre Zugehörigkeit zum Verein erinnert Sie immer mal wieder daran, wie wichtig es ist, Abstand zu gewinnen, in die Unbeschwertheit Ihrer Studentenzeit einzutauchen und zu erkennen, dass man gemeinsam stärker ist. Das gilt für eine Studentenverbindung genauso wie für ein Bergdorf oder für unser Land: Unterschiede müssen uns nicht trennen. Wir kommen weiter, wenn wir unsere Stärken zusammenbringen. Oder, wie ich es gerne sage: Zusammen sind wir besser.

Ihr Verein ist eine Kraft, die Menschen zusammenführt. Der Einheit in der Vielfalt entstehen lässt. Die ländlichen Regionen und Städte vereint. Ursprünglich katholisch geprägt, heute aber offen für alle Religionen und Überzeugungen. Der Romands, Deutschschweizer, Tessiner und Rätoromanen zusammenführt. Einheit in der Vielfalt. Auf den ersten Blick scheint uns vielleicht wenig zu verbinden. Und doch finden wir immer einen gemeinsamen Nenner. Oft ist es ein Lied. Oder dann ein Bier. Auch mal ein Dozent oder eine Vorlesung. Das ist die Schweiz. Das ist der Schweizerische Studentenverein.

Ein grosses Kompliment für Ihren herzlichen Empfang, Ihre Lebensfreude und die Organisation dieses farbenfrohen Festes hier in Brig. Danke, dass Sie diese Traditionen, Ihre Farben und die besondere Freundschaft zwischen Ihnen am Leben erhalten. 

Liebe Mitglieder – tragen Sie Ihre Farben mit Stolz. Und stehen Sie für Ihre Werte ein. Und behalten Sie dieses Miteinander bei. Denn ob im Bergdorf, in einer Studentenverbindung oder in unserem Land: Zusammen geht es besser. 

Auf Ihre Gesundheit, Ihre Freundschaft und den Schweizerischen Studentenverein! Santé!

Fotos: Ingemar Imboden.

CP Elias Leitner v/o Eid (2025/26) spricht zu den Veteraninnen und Veteranen anlässlich der Veteranenehrung vom Zentralfest-Sonntag, 30. August 2026. (Foto: Ingemar Imboden)

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