Titelbild zum Artikel «Die Regeln, die wir uns gegeben haben»

Brandrede von Staatsrat Franz Ruppen v/o Federal, gehalten am Zentralfest-Samstag, 29. August 2026. (Foto: Ingemar Imboden)

29.08.2026

«Die Regeln, die wir uns gegeben haben»

Nachfolgend die Brandrede von Staatsrat Franz Ruppen v/o Federal im Wortlaut, die er am Zentralfest-Samstag, 29. August 2026, in Brig gehalten hatte.

Hoher Zentralpräsident
Liebe Mitglieder des Zentralkomitees
Lieber OK-Präsident Punkt 
Geschätzte Mitglieder des OK
Liebe StVerinnen und StVer

 

Wir sind alle auf dem Holzweg!

Seit Jahrzehnten versuchen wir, die Schweiz so zu bewahren, wie wir sie kennen – dabei sollten wir genau das Gegenteil tun!

Wir leben in einer Schweiz, die viel zu kompliziert geworden ist. Öffnen wir also endlich die Augen und befreien uns von allem Überflüssigen!

Es ist Zeit, aufzuräumen! Weg mit den alten Zöpfen, ich wünsche mir eine «moderne», «zeitgemässe» Schweiz!

 

Ich habe mehrere Beispiele, die ich Ihnen nennen möchte. Beginnen wir hier im Wallis, mit Blatten: 

  1. Nach der Katastrophe drängte sich in der öffentlichen Debatte eine Frage auf. Ist es wirklich vernünftig, ein Dorf wiederaufzubauen, das solchen Risiken ausgesetzt ist? Ist es wirklich vernünftig, so viel öffentliches Geld in ein Tal zu investieren, das erneut von einer Katastrophe getroffen werden könnte? Die Antwort auf diese Frage lautet: Nein.
    Aber warum?
    Weil die Sicherheit an erster Stelle stehen muss. Weil öffentliche Gelder nicht unbegrenzt zur Verfügung stehen. Weil wir den Mut haben müssen, der Realität ins Auge zu sehen. Und bleiben wir konsequent. Wenn wir überzeugt sind, dass diese Überlegung für Blatten richtig ist, dann sollten wir auch den Mut haben, sie überall anzuwenden. Ob im Wallis, in Graubünden oder im Berner Oberland: Schliessen wir die Seitentäler. Das wäre einfacher, günstiger und unendlich konsequenter.
  2. Anderes Beispiel: Die Landessprachen. Auch hier machen wir uns das Leben unnötig kompliziert. A Zurich, certains se demandent pourquoi leurs enfants devraient encore apprendre le français avant l'anglais. Et, reconnaissons-le, la question est tout sauf absurde. L'anglais est la langue des universités, des entreprises, de la recherche, des affaires. Personne ne bâtit aujourd'hui une carrière internationale grâce au subjonctif français. Alors ayons enfin le courage d’être logiques et commençons par supprimer le français. Und dann das Rätoromanisch – eine Sprache, die von weniger als einem Prozent der Bevölkerung gesprochen wird. Ist das wirklich eine Investition in die Zukunft? Natürlich nicht. Warum braucht die Schweiz vier Landessprachen? Eine einzige würde genügen. Eine einzige Verwaltung. Eine einzige Fassung unserer Gesetze. Eine einzige Beschilderung. Eine einzige Sprache in unseren Schulen.
    Was für eine Zeitersparnis! Was für eine Kostenersparnis! Was für eine Vereinfachung! Ich bin überzeugt, dass wir sehr schnell eine Mehrheit finden werden, die anerkennt, dass Deutsch DIE Schweizer Sprache schlechthin ist. Ich spüre schon, wie der nationale Zusammenhalt bemerkenswerte Fortschritte macht…
  3. Sprechen wir über unsere Institutionen. Auch hier könnten wir die Dinge erheblich vereinfachen. Seit jeher sind wir stolz darauf, dass die Schweiz eine Demokratie ist, in der nicht immer die Mehrheit entscheidet. Geben wir endlich zu: Diese Vorstellung ist überholt! Eine Person sollte für eine Person zählen. Eigentlich ganz einfach, Oder? Das Ständemehr und der Ständerat sind der grosse Kompromiss von 1848 für den Zusammenhalt der Schweiz. Das ist 178 Jahre her! Lassen wir das Volk entscheiden – und damit die grossen Kantone, wo die Mehrheit wohnt. Die kleinen Kantone werden sich schon anpassen. Sie vertreten nur eine Minderheit der Bevölkerung, und eine Minderheit sollte die Mehrheit nicht ausbremsen. Das alleinige Volksmehr ist «zeitgemäss» und «modern».
  4. Und wenn wir schon von Gerechtigkeit sprechen, schaffen wir auch gleich den Finanzausgleich ab. Es ist doch von gestern, dass die reichen Kantone etwas von ihren Einnahmen abgeben müssen. Jeder Kanton behält, was er erwirtschaftet. Die leistungsstärksten Kantone investieren bei sich. Die anderen werden lernen müssen, mit ihren eigenen Mitteln auszukommen. Geben wir es zu: Das wäre viel einfacher, logischer und viel konsequenter.
  5. Und wenn wir schon dabei sind, schaffen wir die Volksabstimmungen gleich ganz ab. Sie kosten Zeit, sie bremsen Projekte von uns Politikern und sie verzögern zeitgemässe Reformen. Und manchmal ermöglichen sie es sogar einer Minderheit, Entscheidungen wieder infrage zu stellen, die vom Parlament, von der Regierung und von deren Experten sorgfältig vorbereitet wurden.

 

Mal ehrlich: Was für ein seltsames System! Wir wählen schliesslich alle vier Jahre bereits kompetente Frauen und Männer in Parlamente und Regierungen. Vertrauen wir ihnen.

Die Gewählten könnten schneller und effizienter entscheiden als Sie. Wir könnten uns Abstimmungskämpfe, Plakate und endlose Debatten ersparen … und sogar die eine oder andere Familiendiskussion am Sonntag. Und überhaupt: Wir müssen ohnehin vieles von Brüssel übernehmen, also lasst uns die Übernahme von EU-Recht gleich völkerrechtlich festschreiben! Das ist einfacher, logischer und konsequenter.

Auch hier: Was für eine Zeitersparnis, was für eine Kostenersparnis! Und vor allem … was für eine Ruhe im Land. Endlich könnten wir Politiker die Schweiz wie ein Unternehmen führen. Das Wallis natürlich auch.

Liebe Anwesende,
Sie sehen… für jedes Schweizer Problem finden wir eine einfache Lösung. Ein Tal kostet zu viel? Schliessen wir es. Eine Sprache scheint weniger nützlich? Schaffen wir sie ab. Klein Kantone bremsen Entscheidungen? Umgehen wir sie. Solidarität kostet Geld? Reduzieren wir sie. Das Volk zögert? Entscheiden wir Politiker für das Volk.

Für jedes Schweizer Problem gibt es eine einfache Lösung.

Je länger ich diesen Gedankengang weiterführe, desto logischer erscheint er mir.

Und genau das macht mir Sorgen. Denn keine einzige der Ideen, die ich gerade angesprochen habe, ist meiner Fantasie entsprungen. Keine einzige. Ich sage es noch einmal: absolut keine! Aber, sie alle wurden schon vorgeschlagen. Sie alle wurden schon diskutiert. Sie alle haben ihre Befürworter. Ich gehöre sicher nicht dazu.

Einzeln betrachtet mögen sie vielleicht vernünftig erscheinen, aber nehmen Sie sie alle zusammen, und die Schweiz verschwindet! Das will ich aber nicht. Und niemand hier will, dass es so weit kommt!

Die Schweiz ist nicht entstanden, weil alle gleich dachten, gleich sprachen oder gleich lebten. Und sie ist auch nicht stark geworden, weil sie sich immer für den einfachsten Weg entschieden hat. Ihre Stärke liegt vielmehr darin, dass sie etwas geschafft hat, woran viele andere Länder bis heute ringen: unterschiedliche Interessen miteinander zu verbinden – durch Kompromissbereitschaft, Föderalismus, Vielfalt und Solidarität. 

Unser Land beruht auf Grundsätzen, die uns einiges abverlangen: 

  • In unserer Demokratie zählt jede Stimme – für das Volksmehr und bei wichtigen Dingen für das Ständemehr. Und die Bürger können die Gesetze der Politiker an die Urne bringen.
  • Und jeder Kanton verdient Gehör, unabhängig von seiner Grösse.
  • Jede Landessprache ist Teil unserer Identität und verdient Schutz.
  • Und keine Region unseres Landes darf aufgegeben werden, nur weil sie abgelegen ist.

Politiker sprechen heute viel von Kohärenz oder Einheitlichkeit. Bloss: Die Schweiz ist nicht auf Kohärenz und Einheitsbrei aufgebaut. Sie wurde auf Zusammenhalt aufgebaut. Und genau dieser Zusammenhalt macht unser Land seit mehr als sieben Jahrhunderten aus.

Kohärenz bedeutet, alles aufeinander abzustimmen, zu vereinheitlichen, Kohärenz verleitet uns dazu, Unterschiede zu beseitigen, auszusortieren, wegzulassen.

Zusammenhalt verlangt genau das Gegenteil. Er verlangt von uns, Unterschiede auszuhalten. Er verlangt von uns, aufeinander zuzugehen. Und er verlangt von uns, zusammenzubleiben.

Kohärenz will vereinheitlichen. Zusammenhalt will verbinden.

Kohärenz sucht nach dem einfachsten Weg. Zusammenhalt bewahrt, was uns am wertvollsten ist.

Und genau darin liegt der entscheidende Unterschied. Kohärenz ist Einheitsbrei – und Einheitsbrei ist ungeniessbar. 

Ich habe Sie provoziert mit Vorschlägen für eine «moderne» und «zeitgemässe» Schweiz, die ich als Staatsrat gelegentlich höre. Doch die Schweiz muss nicht einheitlicher werden. Wer Zusammenhalt einer vermeintlich perfekten Kohärenz, einer Vereinheitlichung, opfert, schafft keine bessere Schweiz, sondern ein anderes Land. Und genau das will ich nicht.

 

Liebe StVerinnen und StVer,
viele wollen unbedingt «modern» und «zeitgemäss» sein. Bei der Vorbereitung dieser Rede habe ich mich auch gefragt, ob unser Wahlspruch eigentlich noch in unsere Zeit passt:

Virtus. Scientia. Amicitia.

Und wissen Sie was? Dieser Wahlspruch beschreibt die Schweiz besser als so manche politische Rede.

 

Virtus.
Es braucht Mut, für etwas einzustehen, das vielen unnötig oder zu teuer erscheint. Mut bedeutet in der Schweiz nicht, sich mit aller Kraft durchzusetzen. Mut bedeutet, zu dem zu stehen, was unser Land zusammenhält.

Und damit komme ich zurück zu Blatten. Und da freut es mich, dass heute Abend der Gemeindepräsident und der Vizepräsident von Blatten hier sind; beides StVer. Matthias Bellwald v/o Grins (AV Fryburgia) und Martin Henzen v/o Fendant (AKV Kyburger).

Das Engagement der Schweiz für ihre Berggebiete hat eine lange Geschichte. Es hat seinen guten Grund, und es leistet einen wesentlichen Beitrag zum Zusammenhalt unseres Landes. Die Berge sind so zu einem verbindenden Element unserer nationalen Identität geworden.

Wenn wir beginnen, ihren Wert vor allem an wirtschaftlicher Rentabilität zu messen, riskieren wir, einen Teil unserer gemeinsamen Identität zu schwächen, ohne etwas an seine Stelle zu setzen.

Deshalb sage ich ganz klar: Ja, auch die hintersten Täler unseres Landes können, sollen und müssen bewohnt bleiben!

 

Scientia.
Wissen beginnt dort, wo wir aufhören zu glauben, dass nur unsere eigene Welt zählt.

En Suisse, apprendre la langue de son compatriote n'est pas un simple exercice scolaire. Nos langues nationales sont des ponts entre nos régions. Renoncer à les apprendre, c'est prendre le risque de vivre les uns à côté des autres plutôt que les uns avec les autres. Parler la langue de l'autre, même imparfaitement, c'est reconnaître qu'il fait partie du même pays et qu'il vaut l'effort d'être compris. C'est notre devoir en tant que citoyens de ce pays, surtout le devoir de la majorité linguistique.

 

Amicitia.
Die Schweiz ist aus einer einfachen Überzeugung entstanden: Es ist besser, den Nachbarn zum Freund zu haben als zum Gegner.

Ein Freund ist nicht jemand, der immer gleich denkt wie wir. Ein Freund ist jemand, mit dem wir verbunden bleiben wollen, gerade auch dann, wenn wir unterschiedlicher Meinung sind. Und genau diese Entscheidung füreinander ermöglichen unsere Institutionen. Tag für Tag. Der Föderalismus, der Ständerat, das Ständemehr, die direkte Demokratie, der Finanzausgleich – all das mag kompliziert erscheinen. Manchmal auch langsam. Manchmal vielleicht sogar mühsam. Aber genau das sind die Regeln, die wir uns gegeben haben, damit die Grossen mit den Kleinen zusammenleben, damit Mehrheiten Minderheiten respektieren, und damit aus unseren Unterschieden niemals Grenzen werden. « Einheit in der Vielfalt.» 

 

Vielleicht ist das im Grunde die schönste Definition der Schweiz: Wir sind nicht verbunden, weil wir uns alle gleichen. Wir bleiben verbunden, weil wir uns entschieden haben, aus unseren Unterschieden eine gemeinsame Stärke zu machen. Niemand versteht das besser als ein Verein, der sich seit 1841 – also noch vor der Gründung des Bundesstaates – «Schweizerischer Studentenverein» nennt. Und niemand, liebe StVerinnen und StVer, niemand ist mehr dazu berufen, dafür einzustehen.

 

Das Zentralfest ist schön, wohl nirgends so schön wie in Brig. Aber ob wir es wert sind, drei Tage zu feiern, das entscheidet sich im Alltag. Das entscheidet sich im Riesenkampf mit dieser Zeit, mit jenen, die alles gleich, alles kohärent, einheitlich und effizient machen wollen. Sie sind auf dem Holzweg. Nicht wir!

 

Es lebe die Vielfalt, es lebe die Schweiz, es lebe der StV!

Danke für Ihre Aufmerksamkeit!

Fotos: Ingemar Imboden

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