Titelbild zum Artikel «Sogar das Fernsehen war im Saal»

Das Gespräch mit Mireille Kurmann-Carrel führte Erich Schibli v/o Diskus, amtierender VCP, bei Mireille zuhause am Kaffeetisch.

16.01.2026

«Sogar das Fernsehen war im Saal»

1971 wurde Mireille Kurmann ins Zentralkomitee gewählt. Damit war sie die erste Frau im CC. Im Interview erinnert sie sich an diese Zeit.

Das Interview führte Erich Schibli v/o Diskus


Wann hast Du als Mitglied für das Zentralkomitee kandidiert?

Das war 1971 am Zentralfest in Brig. Als CP wurde Daniel Mudry von der SA Sarinia gewählt. Er hatte keinen Vulgo, ich auch nicht. Eigentlich wollte ich gar nicht ins CC, da ich erst 1970 an der GV in Wil in den Schw. StV aufgenommen wurde.

 

Wie lief die Kandidatur als erste Frau ab?

Ich wurde noch am GV-Tag von meiner Verbindung SA Romandia bearbeitet. Die Romandia war damals die zweite akademische Hochschulverbindung auf dem Platz Fribourg. Da die Sarinia den CP stellte, wollte die Romandia auch eine CC-Vertretung und insbesondere die erste Frau stellen. Die Konstellation war so, dass noch eine Kandidatur vakant war. Ich wurde erst an der GV selbst portiert. Das war damals ein Ereignis. Im Frühjahr 1971 wurde das Frauenstimmrecht angenommen. Es war der richtige Zeitpunkt. Sogar das Fernsehen – SRF und RTS, beide Sprachen – war im GV-Saal und es gab einen Bericht in der «Tagesschau». Ich musste noch vor der Sendung meinen Eltern telefonieren, nicht dass sie es aus dem Fernsehen erfahren würden. Ich realisierte aber erst tags darauf, dass ich im Brennpunkt der Diskussionen stand.

 

Welchen Fragen oder Hindernissen bist Du damals begegnet?

Eines war mir von Anfang an bewusst: Als erste Frau im Zentralkomitee durfte ich keine Fehler machen. Der damalige Zentralsekretär benötigte zwei Monate, bis er mich als CC-Mitglied voll akzeptiert hatte. Bei den übrigen sechs CC-Mitgliedern, notabene alles Männer, war meine CC-Mitgliedschaft kein Problem. Die engste Zusammenarbeit erlebte ich mit den beiden Blockvertretern Huber v/o Vorwärts und Steiner v/o Rüssel. Von den nachbarschaftlichen Verbänden war insbesondere der ÖCV sehr an meiner Wahl interessiert und lud mich flugs darauf zu ihren Bildungsseminaren und Verbandsfesten ein.

 

Welches waren Deine favorisierten Themen, und welches waren damals die aktuellen politischen Ereignisse? 

Natürlich habe ich die Fédération Romande als Ressort übernommen. Es gab einige französischsprechende Verbindungen, die Probleme hatten. Und natürlich war die Politische Kommission auch in meinem Fokus. Im 1971 waren das neu eingeführte Frauenstimmrecht und die Jura-Frage die politisch wichtigen Themen. Im Herbst 1971 waren die ersten eidgenössischen Wahlen mit Kandidatinnen. So fand sich Josi J. Meier unter den elf damals gewählten Frauen (Anm. der Red.: Josi J. Meier war die erste Ständeratspräsidentin und wurde 1997 StVerin, da sie von der AV Semper Fidelis ehrenphilistriert wurde). Und natürlich kam mit der Jura-Frage ein brisantes Thema auf. Alt-CP Lachat war politisch in dieser Sache sehr aktiv. Der Kanton Jura wurde am 1. Januar 1979 als 26. Kanton in die Schweizerische Eidgenossenschaft aufgenommen.

 

Wie beurteilst Du das Bundesgerichtsurteil in Sachen Männerverbindungen an der EPFL und an der Uni Lausanne?

Da bin ich geteilter Meinung. Der Schw. StV hatte ja 1968 mit der Aufnahme der Frauen eine Vorreiterrolle übernommen. Er hatte schon damals die Autonomie der Verbindungen voll respektiert, so auch reine Männerverbindungen. Mit der Entwicklung der Gesellschaft gibt es heute schon länger reine Frauenverbindungen. Damals war das noch nicht denkbar. Das angesprochene Urteil von diesem Frühling wurde sicher heisser gegessen, als es gekocht wurde. Im Rückblick kann man es als politisches Urteil klassifizieren.

 

Wie wirkt es für Dich, wenn Frauen mit Männern einen Bierjungen austragen?

De toute façon, je ne bois jamais de bière !  Donc si déjà, les StVer étaient obligés de me servir un verre de blanc pour le Bierjunge.

 

Gab es in Deinem CC-Jahr noch ein besonderes Ereignis, das erwähnenswert ist?

Die AV Turicia hatte damals ihren alt-CP Spieler v/o Fils ausgeschlossen, weil er für die SP für den Kantonsrat kandidiert hatte und gewählt wurde. Die Turicer wollten damals im Jahr 1971 meine Haltung hierzu erfahren, als ich an einem ihrer Grossanlässe teilnahm. Das war damals ein Novum, dass ein StVer, sogar ein ehemaliger CP, in die SP eintrat. Ich war über den Entscheid von Fils sehr überrascht und empfand den Entscheid der AV Turicia betreffend Ausschluss als harte Massnahme, wohl der damaligen Zeit geschuldet.

 

Wie hast Du Dein CC-Jahr abgeschlossen?

Am Ende meines Amtsjahres lernte ich am Übergabeseminar meinen zukünftigen Mann, Mark Kurmann v/o Statut, kennen, der im Vereinsjahr nach mir als CP gewählt wurde.

Ad personam
Mireille Kurmann-Carrel, lic. iur., geb. 30.11.1949, Bürgerin von Siviriez FR und Sursee LU, wohnhaft in Luzern. Rechtsberaterin bei der Frauenzentrale Luzern. Politik: 8 Jahre Sekretärin der CVP Stadt Luzern; 7 Jahre Mitglied des Vorstandes der CVP Kanton Luzern, unter anderem Vizepräsidentin, Präsidentin «Alumni Université de Fribourg»; Präsidentin der Josy-J.-Meier-Stiftung. 
StV-Mitgliedschaften: SA Romandia, SA Sarinia, GV Surlacia. Sie war verheiratet mit Mark Kurmann v/o Statut sel. (Alemannia, Semper Fidelis).

 

Interview, Textaufbereitung und Foto: Erich Schibli v/o Diskus

 

Eine Anmerkung der Redaktion zu den Ausführungen in der zweitletzten Frage (Stichwort Ausschluss von Spieler v/o Fils aus der AV Turicia): 
Willy Spieler v/o Fils ist aus der AV Turicia ausgetreten, nachdem auch sein zweites Aufnahmegesuch in die Alt-Turicia abgelehnt wurde. Details hierzu können dem Buch «Stolzes Banner am Limmatstrand. Die Geschichte der Akademischen Verbindung Turicia 1860–2013» (vdf Hochschulverlag AG an der ETH Zürich, Zürich 2014) entnommen werden.

Elf Fahrzeuge, die Leben retten

Martin Fussen v/o Monty über elf Fahrzeuge, die zu Amulanzen umgerüstet werden.

11.12.2025

mehr lesen